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Beitrag im NDR: Frank Reintjes – Ultraläufer am Limit

Ultraläufer am Limit: Nur wer scheitert, gewinnt

von Frauke-Ragna Lipprandt
Ultramarathonläufer Frank Reintjes beim Zieleinlauf in XY... © NDR Fotograf: Frank Reintjes

Der Ultramarathonläufer Frank Reintjes – bis vor Kurzem immer auf der Zielgeraden zu Hause.

Über ewiges Eis und durch Schneewüsten, 350 Kilometer nördlich des Polarkreises, unter der sengenden Sonne Afrikas, Bergkämme hoch und runter oder auch einfach nur entlang der ehemaligen Mauergrenze durch Berlin – überall ist Frank Reintjes schon gelaufen. Vor zwei Jahren war er Sieger beim „Track“, einem 522 Kilometer Selbstversorger-Lauf durchs australische Outback. Die Atacama-Wüste in Chile hat er mit der besten Mannschaftswertung passiert und den Lauf durch die marokkanische Sahara 2011 als schnellster Deutscher beendet. Aber auch bei hiesigen Läufen, wie der „Brocken-Challenge“ im Harz, stand er schon auf dem Treppchen. Obendrein ist er erfolgreicher Hals-Nasen-Ohren-Arzt mit eigener Praxis in Braunschweig und stolzer Familienvater. Auf ganzer Linie also ein Held. Nein, nicht ganz – auf Gran Canaria musste er aufgeben – das erste Mal in seiner Laufkarriere und das auch noch bei dem einzigen großen Ultra-Run, den ihm seine Familie pro Jahr zugesteht.

Macht vor keinem Hindernis halt – Ultramarathonläufer Frank Reintjes

Familie, Sport, Karriere

„Da tritt schon gerne mal ein Spannungsfeld auf“, sagt Reintjes, wenn es darum geht, Familie und Sport zu vereinen. Deshalb hat er seiner Frau schon früh zu verstehen gegeben: „Man kann nicht Robin Hood heiraten und sich dann wundern, wenn er in den Wald geht.“ Dieses Jahr hatte er sich also den „Transgrancanaria 360°“ vorgenommen: 265 Kilometer, 16.500 Höhenmeter – ein Lauf, der es nicht nur von der Länge, sondern vielmehr von der Höhe in sich hat. Ein Lauf, der ob seiner Kletterrouten zum nächtlichen Abenteuer werden kann, aber auch abwechslungsreich wie vier Jahreszeiten ist. Ein Lauf, an dem nur 105 Bewerber aus aller Welt teilnehmen durften, mit der Voraussetzung, die Strecke in 101 Stunden zu bewältigen.

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Läufer beim Hannover-Marathon © dpa Fotograf: Silas Stein

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Laufen ist nur die halbe Miete

Rund zehn Wochen vor so einem Groß-Lauf-Event zieht Reintjes das Training an und läuft wöchentlich anstelle der 80 rund 140 Kilometer mit Gepäck. Der Erfolg hängt am Ende nicht nur von der Fitness, sondern auch der Orientierung und der Ausrüstung ab. Reintjes spart dabei an jedem Gramm, das er schleppen muss. Beim Transgrancanaria kamen allein für die technische Ausrüstung fünf Akkus, 20 Batterien und eine Powerbank für das Handy zusammen. Reintjes war bestens organisiert: „Man macht sich vorher einen Plan und macht´s dann anders.“ Und es wurde anders, ganz anders: 70 Kilometer vor dem Ziel entschied er sich für den Abbruch, das erste Mal in seiner langen Laufkarriere.

Der schwerste Schritt – keinen Schritt mehr zu tun

Frank Reintjes im Gebirge von Gran Canaria als die Füße anfingen zu schmerzen © NDR Fotograf: Frank Reintjes

Reintjes hat stundenlang mit sich gerungen, aber irgendwann hat der Verstand gesagt: „Keinen Schritt weiter, sonst wird der Lauf eine schwere Fuß-Verletzung nach sich ziehen.“

So eine Entscheidung fällt man nicht nach einem, zwei oder drei Kilometern, so eine Entscheidung entwickelt sich entlang vieler Stunden. Ein Prozess, den Reintjes derartig noch nicht kannte, denn es ging dabei nicht darum, sich nur aus einem kurzen Lauf-Tief neu zu motivieren; diesmal sendeten die Schmerzen in den Füßen andere Signale. „Es ist ganz wichtig, dass man den Verstand nicht ausschaltet und sich klar macht, dass man sich in einem gefährlichen Gelände befindet. Da darf man die Gesundheit nicht auf´s Spiel setzen.“ Und so wurde aus dem Ignorieren der Pein, ein darüber Grübeln, dann wieder Verdrängen und schließlich: Sich der Situation stellen. Und hier endet die Erfolgsgeschichte, denn es ist ja keine mehr. Diesmal war der Ultraläufer nicht der Sieger, sondern der Verlierer. Diesmal war er gescheitert.

Leistungsprinzip vs. Verlieren

Warum steht bei Wettkämpfen immer nur der Sieger im Rampenlicht und das Interesse des Publikums hört meist bei der Bronzemedaille auf? „Höher, schneller, besser“ – so läuft es im Wettkampf-Sport oder in der Arbeitswelt ab. Die Psychologie nennt es die Optimierungskultur. Auf den Sport bezogen geht es um das wettbewerbsorientierte Motiv, in dem die maximalen Kriterien zählen. Ab einem bestimmten Leistungsniveau gilt da nicht mehr der Gedanke des Turnvaters Jahn: „Dabei sein ist alles.“ Und so war auch der Abbruch des Laufes für Reintjes zunächst eine große Enttäuschung, denn diesmal lief er nicht über die Zielgerade, konnte sich nicht freuen und wurde nicht gefeiert.

Ist das Scheitern eine Notwendigkeit für den Erfolg?

Frank Reintjes in der Atacama-Wüste in Chile. Ein kleiner Läufer in der Ebene auf hartem Sandboden. © NDR Fotograf: Frank Reintjes

Manchmal geht es nicht darum anzukommen, sondern rechtzeitig aufzuhören.

Oliver Stoll ist Professor für Sportpsychologie in Halle-Wittenberg. Er hat schon viele Sportler auf den Olymp begleitet. Er kennt keinen Sportler, der nicht irgendwann gescheitert ist. Ist das Scheitern eine Notwendigkeit für den Erfolg? Dieser Zusammenhang wird in der Resilienztheorie untersucht. Resilienz ist die Fähigkeit, aus einer Krise stärker zurück zu kommen, das „come back stronger“. Damit verbunden ist Erfolg auch immer eine Sache des Kopfes, sagt Stoll – also, wie man die eigene Situation reflektiert, mit dieser umgeht und welche Konsequenzen man daraus zieht. Das steht wiederum im Zusammenhang damit, wie lange man Schmerzen verdrängen kann, sie aber auch entsprechend einschätzen, damit sie nicht auf Dauer gesundheitliche Schäden hervorrufen. Ob Resilienz angeboren ist oder nicht, das wird noch erforscht – für das Dazulernen und Besserwerden scheint es aber unabdingbar. An diesem Punkt kommt also die Optimierungskultur doch wieder ins Spiel und das damit verbundene Leistungssystem, in dem tagtäglich Erfolge und Misserfolge gemessen werden. Interessant ist, dass aber genau in dem Prinzip des „höher, schneller, besser“, ebenso und zwar als notwendige Bedingung, überhaupt erst die Möglichkeit zum Scheitern liegt. Das daraus resultierende „Bessermachen“ geht aber über den reinen Leistungsgedanken hinaus, so Stoll. Würde man nur durch den Optimierungsgedanken motiviert, gäbe man nach wiederholtem Scheitern wahrscheinlich auf. Eine wichtige Motivation können genauso gut der Spaß an der Bewegung oder soziale Aspekte sein, weiß der Sportpsychologe.

Es war die richtige Entscheidung, egal wie weh das tut“

Fragt man Reintjes nach seiner größten sportlichen Niederlage, so bedauert er seine Entscheidung im Nachhinein nicht. Es motiviert ihn vielmehr und er hat sein Ziel bereits wieder klar vor Augen: Der Transgrancanaria 2018. „Jetzt ist ja noch ´ne Rechnung offen“, sagt der Ultraläufer und weiß nun besser, was er noch optimieren kann. Wäre er dieses Jahr nicht gescheitert, wer weiß, ob ihm sein Körper die Entscheidungsfreiheit für den nächsten Lauf überhaupt noch gegeben hätte. So aber hat er jetzt erst recht die Möglichkeit, den nächsten Transgrancanaria erfolgreich zu beenden.

Hier gehts zum Originalartikel des NDR.

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